Aphorismen 12

Kunst

Ein Missstand, der unsere Kreativität hemmt, entwickelte sich dadurch, dass wir in einer immer engeren Spezialisierung gefangen sind. Das bewirkt, dass sich die Einen nicht mehr wagen fachfremdes zu reflektieren geschweige denn sich dazu zu äussern. Eine andere Gruppe benützt diese gesellschaftskulturelle Entwicklung dazu, ihre Angst vor kreativen Aussagen mit unbekanntem Ausgang - d.h. mit dem Risiko der Blamage - zu vermeiden.
Wenn wir da nicht wieder offener werden, so riskieren wir die Verblödung auf hohem Niveau.

Die Kunst wird im Moment von den Desillusionisten geprägt und beherrscht, welche aber ihrerseits der Illusion unterliegen ihre Werke basieren auf dem real Wesentlichen. Normalerweise entfernen sie aber nur das Fleisch vom Knochen. Dabei sind nur wenige in der Lage eine neue Dimension aufzuzeigen.

Nur der nicht angepasste Künstler bemerkt die Mängel im kulturellen System. Ein Angepasster merkt gar nicht, dass es solche Mängel gibt.

Ein Kriterium, wann der Reduktionismus falsch verwendet wird ist, wenn er zu kurz greift und mit seiner Reduktion inhaltlich Dazugehöriges ausklammert. Das scheint in letzter Zeit immer mehr der Fall zu sein. Offenbar begnügen sich sehr viele Zeitgeistler mit einer eher eingegrenzten Sicht der Dinge und sind nicht in der Lage Inhalte zu Ende zu denken, weil sie befürchten, damit wieder im Metaphysischen zu landen und nennen es dann rationale Empirik. Jedoch ist brauchbarer Reduktionismus erst dann gegeben, wenn darin sämtliche dazugehörigen Inhalte - als Ganzheit - einbezogen sind.
Ein Beispiel: zur Hygiene der menschlichen Empfindung gehört auch die Dekoration.

Es zeugt von unglaublich knappem Intellekt und Sachverstand, wenn eine Kuratorin eines international bekannten Institutes, bezüglich der Wahrnehmung von Kunst, behauptet: „Uns entgeht nichts.“ Das gleiche gilt, wenn eine, als renommiert geltende Galeristin, um die Wandlung in der Kunst überhaupt noch wahrzunehmen sagt: „Wir müssen die veränderten kleinen Details sehen.“

Die Kunst ist geistig in barocker Ausführlichkeit im Detail angekommen. Deshalb sind die grafischen Details und der Rahmen oft für die Postmodernen wichtiger, als die Aussage.
Aber es gibt Bewusstseinsebenen die nur über das emotional Visuelle bewusst werden und artikulierbar gemacht werden können. Da reicht die blosse Beurteilung des technischen Aufbaus nicht mehr.

Kunst ist inspirierend und nicht bestätigend.

So wie die Religionen in der bildenden Kunst nicht in ihrer eigentlichen geistigen Essenz dargestellt werden konnten, kann sie auch die Essenz der modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse nur indirekt darstellen.

Nicht der Naturalismus als Stil- und Ausdrucksmittel in der Kunst banalisierte sich, sondern dessen unreflektierte, gewohnheitsmässige Anwendung. Das geschieht soeben bei der unreflektierten Anwendung der Moderne resp. Postmoderne genau so. Denn: es ist kein geistiger Unterschied, ob ich die natürliche Umgebung als angewöhnte Orientierung zum Vorbild nehme, oder eine andere eingewöhnte Kunstauffassung.

Es ist interessant wie Zielsicher die Kunstinstitutionen und derer Vertreter in jeder Aera kultureller Geschehnisse die falschen Kriterien zum Qualitätsmassstab nehmen. Jetzt gerade gelten junge Künstler als Massstab des Fortschrittes. Leider sind es gerade die jungen Künstler die in einer Effizienzgesellschaft aufgewachsen sind. Dabei gehen sie folgsam den Weg den ihnen die Alten zeigen. Keine Revolution, kein absetzen, was doch eigentlich mit jung in Verbindung gebracht wird.

Was die jungen Künstler nicht merken ist, dass mit Originell nichts mehr zu holen ist. Denn das ist seit mindestens siebzig Jahren Inhalt des Programms.

Wenn ich von Erkenntniserweiterung bezüglich der Kunst spreche meine ich damit das Erweitern der Summe an Wissen über sie, das bis da weltweit vorhanden ist und nicht lokale AHA-Erlebnisse. Damit sei aber nichts gegen diese gesagt.

Mit der Bezeichnung „emotionelle Entladungen“ und „Gegenwartsbasteleien“ meine ich jene Kunst, die reflexionslos das gegenwärtige Kunstverständnis reproduziert.

Kunst ist Erweiterung und nicht bestätigend.
Gegenwartskunst: International, Monumental, eine Spielwiese für sich als in der Gegenwart angekommen glaubende, sich somit als realistisch empfindende, Gesellschaftsbeteiligte. Und Künstler die das Ganze auch noch mitmachen.
Die Frage sei erlaubt: sind diese Künstler so kurzgeschlossen oder haben sie ganz einfach vor dem Alleinsein Angst.

Als Gegenwartskunst gilt die Umsetzung der heute als zu den realitätsbezogenen Themen, also zum heutigen Lebensstil gehörend, welche in der modernen Wahrnehmung dem Anspruch genügen, was als Realität zu gelten hat.

Es ist überraschend wie schnell die Realisten aufhören über die mögliche Realität nachzudenken.
Diese Haltung zeichnet seit jeher auch die jeweilig offizielle Kunstszene aus.

Kunst gehört zu den Gradmessern des Bedürfnisses und der Form nach geistiger Erweiterung der jeweiligen Gesellschaft.

In der Kunst wird gegenwärtig Rationalismus und Reduktionismus verwechselt.

Was ist das visionäre an der offiziellen Gegenwartskunst?
Eigentlich nicht viel bis nichts. Denn diese Kunst orientiert sich an der globalen monetären Realitätsauffassung. Das bedeutet Effizienz durch kurze Wege. Leider auch der Geistigen. Also Objekt – Subjekt - Emotion durch kurze Wege der Wiedererkennung.

Früher glaubte ich die Kunstinteressierten seinen darauf aus, durch Kunst neue Ausdrucks- und damit Wahrnehmungsformen zu erleben. Heute weiss ich, dass das alles durch angewohnte formal-stilistische Beharrlichkeit gesteuert ist, die sich die Gesellschaft wahrscheinlich durch Bildung gibt und diese dann eine Generation lang als Orientierung anhält.

Dass die Kunstszene nur ein einziges Realitätsverständnis zulässt, kann nur noch durch den Drang des Individuums nach bestätigender Orientierung erklärt werden. Da ist spekulativer Realismus schon verwirrender und macht diesen Leuten Angst vor dem Verlust des Gewohnheitsdenkens.

Man vergleiche ein paar Kunstkritiken über Gegenwartskunst untereinander und versuche dabei geistig markant sich unterscheidende Aussagen zu finden


Aphorismen 11

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