Aphorismen 7

Gewohnheit

Unsere Gewohnheitsrealität bildet sich aus dem Prinzip der Verdichtung. Sie bildet sozusagen den Ernst des Lebens. Und der manifestiert sich gewöhnlich im Festhalten, um das Ausdehnen zu verhindern.
Wir versuchen laufend diesem Prinzip durch Lustgewinn zu entfliehen, was, wegen seiner Betonung auf Gewinn, irgendeinmal in der Originellität gipfelt. Diesem, schon fast krampfhaften Versuch zum Lustgewinn sind keine Grenzen gesetzt. Jedoch: Gewinn hat immer mit Ansammlung, also quasi mit Material, folglich mit Zusammengezogenheit zu tun.

Es ist natürlich einfacher die Gewohnheitsrealität als Realität zu sehen, als Realitäten, die diese bewirken.

Jedes Wesen lebt seine Gewohnheitsrealität.

Die Gewohnheitsrealität ist das zusammengezogene Realitätsverständnis, das sich gegen die Wandlung wehrt. Dadurch erst wird aber die Wandlung spürbar.

Die logischen Empiriker sind die Buchhalter der Erkenntnis. Sie verwalten das zu ihrer Lebzeit gültige Realitätsverständnis.

Ohne spekulativ Kreative wäre nie eine Dampfmaschine erfunden worden. Diese Tatsache belieben die Gewohnheitsdenker nur allzu gerne zu verdrängen. Besonders wollen sie nicht daran erinnert werden, dass auch die Dampfmaschine einst eine reine Spekulation war - weit entfernt von der Realität. Die Geringschätzung des Spekulativen ist nur wegen seinem störenden Einfluss auf die Gewohnheitsrealität zu erklären. Aber was dann die Kreativen zuweilen hervorbringen - dank ihrer Sturheit - ist sehr leicht in die Gewohnheitsrealität zu übernehmen. Aber erst, wenn die Gewohnheitsdenker den Vorgang begriffen haben.

Es ist natürlich einfacher die Gewohnheitsrealität als Realität zu sehen, als Realitäten die diese bewirken wahrzunehmen. Dazu braucht es mehr Räumlichkeit durch kognitive Ausdehnung.

Unsere Gewohnheitsrealität bildet sich aus dem Prinzip der Zusammengezogenheit. Sie hat ihre Ursache im Bedürfnis nach Orientierung.

Die heute als individualisierte Gesellschaft bezeichnete Verhaltensform ist nichts anderes als der Versuch, sich in der Verpflichtung der Allgemeinheit gegenüber schadlos zuhalten, in Verbindung mit dem rücksichtslosen Lustgewinn, auch auf Kosten der Gesellschaft. Das aber ist kollektiv gelebter Egoismus und nicht Individualität. Individualität sieht anders aus.

Auch der Sinn nach Wandlung kann zur Gewohnheit werden. Indem alles Neue mitgemacht wird, um damit zu versuchen sich der Monotonie des täglichen Lebens zu entziehen und als hilfloser Versuch, sich von andern abzusetzen. Das gibt dann das vermeintliche Individualitätsgefühl. Wenn das aber ganze Gruppen machen, sieht es nicht mehr nach Wandlung aus.


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