Teil 1

Retrospektive "Auf dem Weg zum Nichts"
Galerie Re und Galerie Hess, Spitalackerstrasse 59 in Bern,
8.–29. Oktober 2016

Warum dieses Konzept

Die Hauptabsicht der Kunst ist, mittels Formen Emotionen auszulösen. Die Wahl der Umsetzung sind kulturelle und individuelle Interpretationen.

Die Moderne in der Kunst hat die Malerei von der Last der bildungsbürgerlichen oder religiös orientierten Themen befreit. Das führte zu einer neuen Sicht der Interpretation der Kunst. Von nun an waren Bilder hauptsächlich Lieferanten emotioneller Anreize mit anfänglich durch die formal-stilistische Umsetzung geprägten Erkenntniserweiterungen. Im Laufe dieses Prozesses entstanden immer mehr Werke, welche die originalen Aussagen wiederholten und so eigentlich nur noch künstlerischen Dekorationswert hatten. Dieser Prozess dauert bis heute an und man kann sagen, dass es formal-stilistisch nichts mehr gibt, das nicht an bereits umgesetzte Aspekte der damals neuen Aussagen erinnert.
In der Zwischenzeit haben sich die Kunstinteressierten daran gewöhnt, dass sie autonom an eine Bilddeutung herangehen können. Dagegen ist vorerst nichts einzuwenden, wenn man akzeptiert, dass so die Malerei in den meisten Fällen zur reinen Dekoration wird, weil sie keinen in sich wirkenden Erkenntniswert mehr hat, da ja die formal-stilistische Aussage keine neuen Informationen mehr hergibt. Einfach nur Gefühle umzusetzen ist kein Beitrag an den kulturellen Erkenntnisprozess, kann aber trotzdem seinen Sinn haben.
Durch meine Auseinandersetzung mit der Malerei rutschte ich völlig ungewollt in einen Themenbereich, dessen Brisanz zur Erkenntnisgewinnung mir auf einmal klar wurde. Es geht dabei um die Chance, die neuen physikalischen Erkenntnisse, welche näher an den wahren Ursprung des Seins herankommen, mit malerischen Mitteln zu thematisieren. Das führte automatisch zur Frage, ob eine solche Kunstauslegung nach Jahren der Befreiung von jedem thematischen Zwang überhaupt noch einen Beitrag an die Kunst bringen kann. Mir war und ist bewusst, dass dabei die autonome Kunstinterpretation aufgegeben würde. So hatte ich plötzlich zwei Themen zu bearbeiten: einerseits die Wiedereinfü̈hrung des themengebundenen Bildes, andererseits das Thema selbst, das sich als äusserst heikel bei der Umsetzung erwies.
Eine weitere Schwierigkeit war die Frage, ob überhaupt jemand bereit ist, in dieses Abenteuer einzusteigen. Ich stelle nämlich fest, dass diese Bereitschaft sehr durchzogen ist. Während die Einen sich mein Konzept vorstellen können, sind andere nicht bereit, ihre vor über hundert Jahren erreichte autonome Kunstinterpretation aufzugeben. Da helfen Beteuerungen meinerseits, dass der Interpretationsraum, trotz der Themengebundenheit, immer noch beträchtlich sei, wenig.
Hier erlaube ich mir, vielleicht etwas streng, auf die richtige Deutung meines Konzeptes hinzuweisen. Denn es ist mein Anliegen, dass die Bilder in der gedachten Richtung gesehen werden.
Der Stil der Bilder richtet sich nach dem dargestellten Thema, und es wäre müssig, meine Bilder mit bestehenden Stilrichtungen zu vergleichen. Diese hatten damals nämlich eine entscheidende Rolle in Bezug auf die Erkenntnis, bei mir sind sie aber nur Träger der Aussage und haben sonst keine weitere Bedeutung. Zum Beispiel ist der Grundton vieler Bilder nicht einfach weiss, sondern geht leicht ins Gräuliche und steht als Symbol für das Nichts. Auch die manchmal surreal wirkenden Umsetzungen haben nicht den Surrealismus als Stilrichtung zum Inhalt, sondern sind vielmehr als Hinweis auf den oft surreal wirkenden Sachverhalt auf der Quantenebene so konzipiert. Wer das ignoriert und eine autonome Deutung des Bildes bevorzugt, wird der Absicht, welche ich mitteilen möchte, nicht gerecht. Zudem entfällt die Besonderheit der Bilder, weil sie dann lediglich ein weiterer Beitrag an die Millionen von rein emotionalen künstlerischen Entladungen wären. Die Betrachter haben also die Wahl, meine Aussage als gedankliche Basis zu dem, was ich als säkulare Kontemplation bezeichne, aufzunehmen oder eine weitere, ihre emotional assoziative Wahrnehmung inspirierende Bildgestaltung zu sehen.
Das Thema der Bilder ist in den meisten Fällen von der Physik hergeleitet und da in letzter Zeit fokussiert auf das Thema der Superstrings und die von immer mehr Physikern und Kosmologen akzeptierte Annahme, dass alles, was letztlich zu Leben führte, seinen Ursprung im Nichts hat. In meinen schon Jahrzehnte dauernden Betrachtungen dieses Themas kam ich zum gleichen Schluss. Deshalb habe ich mich entschlossen, diesen Aspekt der Betrachtung des Ursprungs der Natur in einem bildnerischen Konzept aufzunehmen mit dem Ziel, den Betrachtern einen sinnlich erfahrbaren Ansatz vorzustellen. Das braucht natürlich grosse Bereitschaft, darauf einzugehen. Meine Hoffnung ist, dass das auch hin und wieder geschehen wird. Denn nach meiner Meinung ist es erkenntnismässig ein nicht unwichtiger Sachverhalt.
Fakt ist aber, dass die Theorien vom Nichts, vom Multiversum und von den Strings vorläufig „sondierende Berechnungen sind mit zeitweiligem Bezug zu heute gesetzten physikalischen Daten.“ (Brian Greene, Physiker). Unbestritten ist, dass es sich um eine Hypothese handelt, welche aber induktive wie deduktive Ableitungen zu dem, was wir sehen, bietet. Es ist ein Feld für philosophische Abenteurer, und das Abenteuer enthält auch die Möglichkeit des Scheiterns, sonst wäre es eben kein Abenteuer. Ich persönlich erkenne viel Schlüssiges darin. Das bleibt so, bis mir jemand eine bessere Theorie anbietet.
Was auch Hemmungen bereiten könnte, ist die Befürchtung, man müsse zum Verständnis der Bilder in Physik bewandert sein. Zwar enthalten die Bilder immer wieder Piktogramme, ausgelehnt aus grafischen Darstellungen von Publikationen zur Physik, aber mein Konzept ist darauf angelegt, dass die Bilder nur den Hinweis auf dieses Thema machen. Es braucht also niemand Physik zu studieren, um sich meine Bilder anzuschauen. Es genügt, wenn man weiss, dass bei diesen hauptsächlich die Physik das Thema ist, was bei der Einordnung der Formen auf den Bildern vielleicht hilfreich sein kann. Der Rest ist meine Einladung zur säkularen Kontemplation darüber.
Die durch Zeichen bewirkte Form der Informationsvermittlung ist im digitalen Zeitalter sehr verbreitet und findet sich da unter dem Begriff „Icons“. Dieser stammt von den früheren Anwendungen von eigentlichen Piktogrammen, welche keine andere Aufgabe hatten, als den Betrachter an das in ihnen enthaltene Thema zu erinnern, ab. Man nennt sie Ikonen und sie dienen der sichtbaren Aufrechterhaltung, z.B. etwa des christlichen Gedankenguts. Es gibt nach meiner Meinung keinen stichhaltigen Grund, das nicht auch für den heutigen Erkenntnisstand über den Ursprung des Lebens anzuwenden. Natürlich ohne den, den religiösen Ikonen anhaftenden Mystizismus. So gesehen sind meine Bilder Ikonen zur Verbreitung des heute besser verstandenen Daseinsursprungs. Dabei bin ich mir bewusst, dass dieses Konzept von der Bereitschaft, als einleuchtend wahrgenommen zu werden, abhängig ist. Es liegt also am Publikum, ob diese Form philosophischer Inspiration eine gesellschaftliche Sichtbarkeit erreicht. Ich benütze dieses Konzept, weil ich der Überzeugung bin, dass das Mittel der Piktographie die beste Ausdrucksform ist, um philosophisches dauerhaft sichtbar zu erhalten. Auch sehe ich keinen Grund, warum eine Methode, welche seit Jahrtausenden Anwendung findet, ausgerechnet für die der Realität am nächsten stehenden Erkenntnisse nicht verwendet werden soll.

Entwicklung dieses Konzeptes:

1980   Erste Bilder zur Viele-Welten-Theorie und dem Nichts als eigentlichem Normalzustand
1996   Ausstellung mit ersten Icons zum Thema Quantenphysik
2000   Quantenphysik indirekt sichtbar gemacht mit dem Mittel der Anekdoten
2011   Umsetzung mit Icons hin zur Viele-Welten-Theorie, zur Stringstheorie und zum Nichts als Normalzustand

Roset 2015
www.roset.ch

> Teil 2 ; Mein Konzept zum Thema "das Nichts"

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