Teil 2

Ausstellung Roset, Galerie RE, Burgdorf, 11.–31. Oktober 2015

Wer sich weiter in meine Beweggründe vertiefen möchte, warum ich die bildnerische Darstellung des Nichts so wichtig finde, kann sich in den nachfolgenden Text hineinlesen.

Wozu das Thema des Nichts?

Die Menschen unseres Bildungskreises haben spätestens seit Kopernikus laufend ihren Stand im Universum neu bewerten müssen. Sie mussten von der Vorstellung, sie seien der Grund der Schöpfung, Abschied nehmen. Mit fortschreitender Forschung wurde diese Illusion immer schwächer, und nur wer sich beharrlich an urzeitlichen Mythologien orientieren will, kann heute noch diese Fakten übersehen.
Der letzte Akt des Zurechtrückens unserer wirklichen Position in der Natur dürfte wohl die Erkenntnis sein, dass alles, was da „kreucht und fleucht“, seinen Ursprung im Nichts hat.
Damit sind Identitätsfindung und Bewertung endgültig dem einzelnen Individuum überlassen. Wer also bis jetzt auf die minimale Hoffnung setzte, es gäbe doch noch Fakten im Universum, welche den Sinn seines Daseins erklären könnten, sieht sich desillusioniert. Wir müssen also die Sinngebung neu erfinden. Dazu sollen meine Bilder beitragen, indem sie, wie erwähnt, in ähnlich vergleichbarer Anwendung wie Piktogramme oder Ikonen dem Betrachter in seiner Umgebung zur Verfügung stehen. Das heisst, ich male bewusst nur eher kleine Bilder, weil diese dort hängen sollen, wo es am meisten philosophische Gedanken geben kann: zu Hause in den privaten Räumen. Das ist nicht gerade dem Zeitgeist entsprechend, aber wahrscheinlich musisch effizient.
Wo ist nun der Stand der Relevanz solcher Erkenntnis?
Der ontologische Stand der Erkenntnis beschreibt der Kosmologe Alexander Vilenkin in einem Interview wie folgt:
„Der Spielraum Gottes schrumpft. Früher konnte man vielleicht noch annehmen, er habe das Universum irgendwie zum Laufen gebracht. Aber im Multiversum beschreiben die Naturgesetze auch die Entstehung der Universen aus dem Nichts. Man kann sich natürlich fragen, woher die Naturgesetze kommen. Das ist – noch (Bemerkung Roset) – ein Mysterium. Es beweist allerdings weder die Existenz Gottes, noch widerlegt es sie.“
Auf welcher wissenschaftlichen Stufe die Aussagen einzureihen sind, definiert der Mathematiker Max Tegmark so:
„Paralleluniversen sind keine Theorie – sie sind Vorhersagen bestimmter Theorien.“
Das bedeutet, dass es viele Gründe gibt, welche von bestehenden Theorien abgeleitet werden, die zu solchen Schlüssen führen können. Für die Betrachter ist nur wesentlich, dass es gute wissenschaftliche Gründe gibt, solche Aspekte der Naturentstehung als ernstzunehmende Theorien ins Auge zu fassen. Das bedeutet aber nicht, dass meine Bilder ein Physikstudium voraussetzen. Es genügt, die Gründe ihrer Entstehung zu wissen. Wer aber diese Aspekte anschauen will, der kann sich in die kosmologische Literatur vertiefen.
Für mich ist dabei das Bestechlichste, dass sich so die Entstehung der Natur ohne irgendwelche künstliche Einschiebung von bewussten Kräften nahtlos vollziehen würde, was bis jetzt weder die bisherigen physikalischen Erhebungen noch religiöse Theorien in der Lage sind, schlüssig zu begründen. Darüber nachzudenken kann eine schöne Beschäftigung sein.

Weitere Bemerkungen zum Nichts
Das Nichts ist jener Zustand, wo weder Raum noch Zeit existiert. Ich habe aus bestimmten Erwägungen die Gestaltung dieses Zustandes mit einem nicht ganz weissen Grundton gewählt. Diese Symbolik ergibt sich daraus, weil ja Schwarz mit Dunkelheit und Schatten in Verbindung gebracht wird. Das ist das Nichts nicht. Weiss dagegen steht für Licht und das kann das Nichts auch nicht darstellen, weil das ja bereits energetische Zustände wären. Also bleibt nur noch ein nicht ganz weisses Weiss, da, wie mir scheint, diese Farbwahl am emotionslosesten wirkt.
Wichtig zur Einschätzung des Nichts ist, dass es unabdingbar ist und offensichtlich real existieren muss, weil sich ohne es die materiellen Teilchen, welche ja ihrerseits nichts anderes als „gefrorene“ Energie sind, nicht bewegen könnten.

Die Superstrings
Die Superstrings sind kleinste Energieeinheiten, welche ständig am Vibrieren sind. Mathematisch beschreiben sie mindestens zehn Dimensionen, welche, weil sie „eingerollt“ sind – bis auf drei Dimensionen plus Zeit –, für uns unsichtbar bleiben. Es gibt offene und
geschlossene Strings, was diesen die entsprechenden Eigenschaften verleiht. Es sind also Fluktuationen aus dem Nichts, welche sich durch Kumulation bis hin zur Materialisierung entwickeln können. Das geschieht in der Stringstheorie mittels Energiefelder, den Branen. Weil ich selbst für die Entstehung von Energie den Prozess mit Fluktuationen aus dem Nichts bevorzuge, ist diese Möglichkeit sehr einleuchtend.

Die Branen (von Membranen abgeleitet)
Die Branen sind Energiefelder in der Stringstheorie, auf welche sich die offenen Strings übertragen. Hier sei erwähnt, dass die geschlossenen Strings zur Bildung der Gravitation gesehen werden, die offenen Strings auf den Branen zur Materialisierung führen.
In meinen Bildern stehen meist farbige Felder für die Branen, natürlich völlig frei eingesetzt.

Der Bezug zu unserer Realität
Wem diese Interpretation dieses sehr verlockenden möglichen Naturverhaltens zu „materialistisch“ ist, der kann diesen Ansatz auch durch die philosophische Sicht sehen und die Empfehlung z.B. des Zen-Buddhismus gebrauchen, wo ja auch das Eintauchen ins gedankliche Nichts die Übung ist.
Das zeigt, dass der Gedanke, das Nichts als eigentlichen Normalzustand zu sehen, in vielen Philosophien schon seit Jahrtausenden praktiziert wird. Der heutigen Wissenschaft ist es nun möglich, ein aus den realen Fakten abgeleitetes Modell nachzuzeichnen, wie aus dem Nichts das Etwas entsteht.

Warum „Zeitgeist plus“?
Wenn die Malerei weiterhin eine Rolle bei der Erkenntnisfindung spielen will und nicht nur Dekorationswert haben soll, sollte sie sich gelegentlich auch von der rein malerischen Beliebigkeit lösen können.
Eine Lösung könnte sein, die künstlerischen Aussagen mit einem Modell zu beschreiben, welches wie folgt aussieht:
Kunst 1/1 ist Kunst, die sich Inspirationen aus dem im Moment Sichtbaren und Geglaubten herleitet.
Kunst 1+, also Zeitgeist plus, ist die Kunst, welche sich Räume auch ausserhalb des Gesetzten erschliessen will, um einen möglichen Beitrag an die Erweiterung unseres gängigen Weltverständnisses zu liefern.

Wenn Ihnen das alles als begründet vorkommt, wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Betrachten meiner Bilder.
Roset

Literatur:
Max Tegmark: Unser mathematisches Universum, Ullstein Verlag
Brian Greene: Die verborgene Wirklichkeit, Pantheon Verlag
Alexander Vilenkin: Kosmische Doppelgänger, Spektrum Taschenbuch
Alan Guth: Die Geburt des Kosmos aus dem Nichts, Knaur Verlag (Vergriffen)

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